Wie Google seine Macht miss­braucht – einmal mehr

Wie Google seine Macht miss­braucht – einmal mehr

Der amerikanische IT-Konzern schikaniert mit neuen Richt­linien die Open-Source-Community und datenschutz­bewusste Internet­nutzerinnen.

Seit einigen Jahren habe ich ein Pixel-Smartphone, auf dem GrapheneOS installiert ist. Das ist ein datenschutz­orientiertes und alternatives Android-Betriebs­system, das ohne vor­installierte Google-Dienste auskommt.

Eingerichtet habe ich das aus mehreren Gründen: um dem Duopol Apple und Google zu entgehen. Und vor allem: damit es schwierig wird, mir einen «Staats­trojaner» unterzujubeln.

Damit ist Spionage­software gemeint, die die Sicherheits­lücken von Betriebs­systemen wie jenen von Google oder Apple ausnutzt und selbst Nachrichten mitlesen kann, die Ende-zu-Ende-verschlüsselt sind. Zwar ist auch GrapheneOS nicht zu 100 Prozent immun gegen solche Angriffe – aber wegen des mehr­stufigen robusten Sicherheits­prozesses ist bislang kein erfolgreicher Spyware-Angriff bekannt.

Kurz gesagt: GrapheneOS erfüllt viele «Best Practices» im IT-Sicherheits­bereich.

Insgesamt lief das bisher für eine privacy­bewusste Nutzerin wie mich ohne spezifischen IT-Hinter­grund ganz gut. Denn die wichtigsten Apps erhalte ich ohnehin aus dem Google Play Store, der in einer isolierten Umgebung (im Jargon: Sandbox) läuft. Und trotzdem ist das darunter­liegende Betriebs­system weder datengierig, noch gehört es zu einem unsympathischen IT-Konzern aus den USA.

Ich habe somit das Beste aus zwei Welten auf einem Smartphone vereint.

Und: Da ich als Journalistin von den Schweizer Über­wachungs­gesetzen nicht ausgenommen bin, kann ich mit GrapheneOS zumindest selber das höchst­mögliche technische Mass an Quellen­schutz bieten. Das sorgt auch nach aussen für Vertrauen bei potenziellen Informanten.

Doch im Verlauf des letzten Jahres habe ich schon erste Komfort­einbussen zu spüren bekommen. So hat etwa die für das Kultur­leben wichtige Ticket­corner-App – respektive die Firma dahinter – entschieden, dass ihre App alternativen Betriebs­systemen nicht zur Verfügung steht. Ich war deshalb letztes Jahr auf mein zweites Handy angewiesen, um etwa die Shows rund um den Eurovision Song Contest in der Schweiz besuchen zu können.

Auf Anfrage wird der Entscheid so begründet: Man müsse sicherstellen, «Nutzer von Bots zu unterscheiden und somit Missbrauch effektiv zu verhindern». Dieselbe faden­scheinige Begründung lieferte die Post zu ihrer (mittler­weile eingestellten) Swiss-ID-App.

Und seit diesem Jahr haben sich die Banken-Apps dazugesellt. Eine davon gab mir neulich zu verstehen, dass künftige Versionen wegen meines veränderten Betriebs­systems (im Jargon: Custom OS genannt) nicht mehr verfügbar sein werden. Solche Warn­hinweise wühlen einen zuerst auf: Man fühlt sich fast ein bisschen wie eine Betrügerin – als ob man etwas falsch gemacht hätte.

Auf Nachfrage bei der besagten Bank antwortet diese mir: «Alternative Betriebs­systeme wurden von uns auch bisher nicht offiziell unterstützt. Mit den laufenden Verschärfungen der Sicherheits­checks wird deren Nutzung künftig nicht mehr möglich sein.» Die Medien­sprecherin teilt mir mit, dass mein alternatives Betriebs­system «somit nicht sicher genug sei».

Doch mit Sicherheit haben diese Entscheidungen der Schweizer Firmen nichts zu tun. Im Gegenteil: Dahinter steckt eine willkürliche Massnahme von Google, die die Banken, die Post und auch Ticket­corner gar nicht in dieser Form umsetzen müssten.

Ein kleiner technischer Exkurs dazu: Google hat die alte Sicherheits­prüfung «SafetyNet» für seinen App Store 2025 abgeschaltet und durch eine neue Prüfung namens «Play Integrity» ersetzt. Apps im Google Play Store, die bisher «SafetyNet» benutzt haben, mussten auf diese neue Prüfung umgestellt werden, sonst funktionieren ihre Sicherheits­checks nicht mehr.

Über «Play Integrity» kann sich eine App-Entwicklerin via Google unter­schiedliche Eigenschaften des Geräts zusichern lassen. Nicht alle davon sind zwingend für die Entwicklung der jeweiligen App.

Die strenge «Geräte­prüfung» gilt als die höchste Stufe dieses Sicherheits­mechanismus. Google möchte damit unter anderem sicherstellen, dass App-Hersteller wissen: Ihre App läuft auf einer «sicheren Umgebung», also allein nur auf Android.

Das Betriebs­system GrapheneOS ist von Google grund­sätzlich nicht zertifiziert – und gilt daher als «unsicher», was nach objektiven Mass­stäben der IT-Sicherheit lächerlich ist. Google missbraucht damit seine Markt­macht und zwingt mit dieser Geräte­prüfungs­option das Android-System noch mehr Nutzerinnen auf.

Fraglich ist zum jetzigen Zeitpunkt auch, ob die künftige staatliche E-ID – gemäss offizieller Mitteilung startbereit ab 1. Dezember 2026 – für alternative Betriebs­systeme wie GrapheneOS verfügbar sein wird. Das Bundesamt für Justiz lässt sich auf Anfrage diesbezüglich nicht in die Karten blicken. Ernüchternd ist auch, dass die Agov Access App aus «Sicherheits­gründen» nicht für GrapheneOS zur Verfügung steht (auch wenn die Bundes­kanzlei auf meine Anfrage hin gedenkt, dies zu ändern). Jene Anwendung braucht man in der Schweiz für digitale Behörden­gänge (etwa die Einreichung der Steuer­erklärung). Bei beiden Digital­projekten (Agov Access App und E-ID) geht es um die öffentliche digitale Infra­struktur des Bundes. Es wäre ein grosses staatliches Versagen, wären diese Dienst­leistungen allein dem Big-Tech-Duopol ausgeliefert.

Hinzu kommt: Google möchte bis September 2026 alle App-Entwickler für seinen Play Store, aber auch für alternative Markt­plätze wie F-Droid identifizieren lassen – mit Namen und Passdaten. Offiziell ist das eine Massnahme, um auf dem Play Store gegen Betrug und Spam vorzugehen – doch damit erlangt Google noch mehr Kontrolle darüber, wer und was auf seinen Platt­formen erscheint.

Der renommierte IT-Blog «Kuketz» schreibt dazu: «Damit entscheidet künftig nicht mehr die Qualität des Codes darüber, ob eine App installiert werden kann, sondern allein die Verifizierung des Entwicklers durch Google. Fehlt sie, blockiert das System die Installation – selbst wenn die App frei, quelloffen und technisch einwandfrei ist.»

Für die digitale globale Zivil­gesellschaft ist somit klar: Das ist ein Fall von Macht­missbrauch durch den Big-Tech-Riesen. Mit einem offenen Brief und einer Kampagne können unzufriedene Bürger direkt die Wettbewerbs­behörden ihrer Länder anschreiben, die Website stellt Text­bausteine und die richtigen Empfänger­adressen bereit.

Die Empörung darüber ist auch in Bern angekommen. Die Schweizer Wettbewerbs­kommission Weko erhielt bislang 150 Beschwerde­briefe, wie sie auf Anfrage bekannt gibt.

Die Weko steht deshalb in Kontakt mit den EU-Behörden. Zwar hat die Schweiz entschieden, den «Digital Markets Act» der EU nicht zu übernehmen. Dieser soll verhindern, dass Big-Tech-Monopole ihre Markt­macht ausnutzen, indem sie ihre eigenen Dienste bevorzugen oder Mit­bewerberinnen schikanierende Bedingungen auferlegen. Ein Beispiel dafür ist die Praxis von Amazon: Die vom IT-Konzern selber hergestellten Produkte liess dieser lange Zeit prominent auf seinem Online-Marktplatz anzeigen – aus Sicht der Händler auf Amazon ein unfaires No-Go.

Doch in dieser neuen Google-Causa könnte ein Verstoss gegen Artikel 7 des Schweizer Kartell­gesetzes vorliegen. Genau das werde nun so schnell wie möglich geprüft, versichert die Weko.

Vermutlich können wie so oft nur noch europäische Behörden das Gebaren des Tech-Konzerns stoppen – mit drakonischen Bussen und rigoroser Anwendung der Wettbewerbs­gesetze.

Hier der Originalartikel:

https://www.republik.ch/2026/05/11/ctrl-wie-google-seine-macht-missbraucht-einmal-mehr

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