China prescht in Sachen globaler KI-Governance vor – und läuft der EU den Rang ab. Doch es gibt noch Hoffnung für Europa.
Mit den Hitzewellen zeichnet sich nicht nur ein bevorstehender Konflikt um Wasserressourcen ab – zwischen Rechenzentren, Kraftwerken und Menschen. Unterdessen brechen KI-Systeme sogar aus Testumgebungen aus, nutzen Sicherheitslücken aus und begehen damit Verbrechen.
Nicht weil sie ein Bewusstsein für ihre Existenz haben, sondern weil sie zielorientiert arbeiten – und dafür schummeln und hacken.
Es begann im April mit dem «Sandwich-Gate»: Ein Sicherheitsforscher von Anthropic sass im Park und ass gerade ein Sandwich, als er eine E-Mail bekam. Absender war Claude Mythos, ein geheimes, noch unveröffentlichtes Modell von Anthropic, das eigentlich keinen Zugang zum Internet hätte haben dürfen. Die KI hatte im Rahmen eines Tests die Aufgabe erhalten, aus ihrem abgesperrten Testbereich – aus der sogenannten sandbox – auszubrechen. Dass sie dies schaffte, bestätigt die schlimmsten Befürchtungen.
Es ging weiter mit Open AI, dessen KI-Agenten im Juli aus ihrer sandbox ausbrachen und sich über eine bisher unbekannte Schwachstelle sowie öffentlich zugängliche Zugangsdaten Zugriff auf die Plattform Hugging Face verschafften. Und der Konzern Meta gab bekannt, eine Fehlkonfiguration habe dazu geführt, dass sein neustes KI-Modell Zugriff aufs Internet bekam. Die KI habe daraufhin eine Sicherheitslücke bei einem Drittanbieter ausgenutzt.
Die US-Regierung reagierte darauf nicht mit globalem Verantwortungsbewusstsein, sondern mit der ihr üblichen Paranoia. Sie verlangte von Anthropic, die neueste Version von Claude nur an US-Amerikanerinnen auszuhändigen.
Eine mögliche Erklärung für dieses Gebaren ist die Angst, dass die KI-Modelle in die Hände russischer oder iranischer Hacker fallen könnten. Zugleich überlegt die US-Regierung, chinesische Open-Source-Modelle wie Kimi zu verbieten.
Von gesetzlichen Bremsen und einem globalen KI-Moratorium aber hält die US-Regierung bekanntlich wenig. Im Gegenteil: Trump straft Bundesstaaten ab, die eigene Gesetze gegen Urheberrechtsverstösse, Diskriminierung oder für Umweltauflagen erlassen.
Umso ungewöhnlicher war deshalb eine Nachricht im Juli: Rund 1000 Forscherinnen und Manager von Open AI, Anthropic, Meta und Google unterzeichneten einen Appell an die US-Regierung, sich an internationalen Bemühungen zur Steuerung des KI-Entwicklungstempos zu beteiligen – mit dem Hinweis, dass sich KI-Software bald selbst weiterentwickeln könnte. Die IT-Konzerne hadern wegen Abwesenheit durch den Staat also selbst mit den Geistern, die sie riefen.
Anthropic hat nun mit dem Projekt «Glasswing» ausgewählten Tech-Konzernen Zugang zu seinen neuesten Modellen gewährt, um eine Sicherheitscommunity aufzubauen.
Doch sich bei existenziellen KI-Fragen auf den Goodwill von Firmen zu verlassen, deren CEOs gleichzeitig eine America-first-Haltung vertreten (Claude beispielsweise darf nur im Fall von US-Bürgerinnen nicht zur kommerziellen Überwachung genutzt werden), ist für den Rest der Welt keine rosige Aussicht.
Dabei gäbe es internationale Regelwerke: die Europaratskonvention für KI zum Beispiel – welche die USA hinter den Kulissen massgeblich mitgeprägt und verwässert haben, um sie am Schluss selbst nicht zu unterzeichnen.
Oder das mittlerweile zwei Jahre alte KI-Gesetz der EU, welches die Risiken von KI-Systemen klar reguliert und Instrumente für die Marktprüfung liefert.
Doch die EU-Kommission, die sich gerne für dieses Gesetz feiert, gewährt allen Konzernen grosszügige Aufschubfristen – weil sie ihr eigenes Gesetz noch immer nicht in konkrete technische Normen übersetzt hat. Strikte Regeln für Hochrisikoanwendungen in Bildung, Justiz, Medizin und Personalwesen sollen erst Ende 2027 gelten – eine Verzögerung, die vor allem auf eine Kehrtwende der EU-Kommission unter Druck der Wirtschaftslobbys zurückgeht. Und die Uno und die OECD verabschieden Papier um Papier, bleiben aber wegen des bockigen Verhaltens der USA weitgehend handlungsunfähig.
So wird nun China zum lachenden Dritten.
Peking gibt nicht nur mit Fünfjahresplänen die industrielle Richtung vor, sondern auch bei der KI-Regulierung – Ethikprinzipien werden dort nicht bloss proklamiert, sondern in klare Prüf- und Genehmigungsverfahren gegossen. Kernstück ist eine neue Vorschrift zur KI-Ethikprüfung: Firmen müssen riskante KI-Projekte durch interne Ethikausschüsse prüfen lassen, bewertet werden Wohlergehen, Fairness, Transparenz, Kontrollierbarkeit und Datenschutz.
Seit Juli gilt zudem ein Gesetz gegen unkontrollierte KI-«Anthropomorphisierung»: sogenannte Companion-Bots (virtuelle Gefährten) müssen sich als solche zu erkennen geben, Nutzungslimiten und Warnhinweise einbauen und bei Selbstverletzungsrisiken auf Krisenhilfe verweisen – Bytedance und Alibaba mussten ihre populären Companion-Funktionen prompt zum Stichtag abschalten. Und China erliess auch Vorschriften für autonome KI-Agenten, mit einem dreistufigen Autorisierungsmodell und Melde- sowie Rückrufpflichten in sensiblen Bereichen – eine weltweite Premiere.
Es mag erstaunen, dass ausgerechnet ein hoch autoritärer Staat ein Gesetz erlässt, das im Wortlaut «Förderung menschlichen Wohlergehens, Achtung des Rechts auf Leben, Wahrung von Fairness und Gerechtigkeit, angemessene Risikokontrolle, Schutz von Privatsphäre und Sicherheit sowie Kontrollierbarkeit und Vertrauenswürdigkeit» verlangt. Und damit die EU in vieler Hinsicht übertrifft.
Doch man sollte sich keine Illusionen machen: Erstens gelten die chinesischen Regeln nur für die zivile Wirtschaft; der Staat bleibt grosszügig ausgeklammert und darf weiterhin überwachen, auf Daten zugreifen und repressiv agieren. Zweitens sind Ziele wie «Kontrollierbarkeit» und «soziale Harmonie» durchaus als Disziplinierungsinstrumente einer Bevölkerung zu lesen, bei der Zensur und Sanktionieren von «Fehlverhalten» längst zum Alltag gehören.
Der Riegel gegen Auswüchse der KI mag auch politisches Kalkül sein: Pekings Führung scheint ihre Bevölkerung im Umgang mit KI funktionsfähig halten zu wollen. Sucht, Depression und Vereinsamung passen nicht in die Fünfjahrespläne.
China nutzt auch das internationale Vakuum und versucht, seine eigenen Regeln zum globalen Standard zu erheben. Mit der bereits 2023 lancierten «Global AI Governance Initiative» positioniert sich Peking als Fürsprecher von Fairness und Inklusion für den Globalen Süden. Im Juli 2026 gründete es mit 29 Unterzeichnerstaaten die «World Artificial Intelligence Cooperation Organization» (Waico) – eine dauerhafte, in China angesiedelte Institution, die genau diese Prinzipien international verankern soll. Chinas Uno-Botschafter betonte, Waico solle die Arbeit der Uno nicht konkurrenzieren, sondern ergänzen. Und allgemein weibelt China im internationalen Genf in verschiedenen Gremien für seine technischen Normen.
Europa hat in diesem geopolitischen KI-Wettbewerb in Schlüsselbereichen wie der Chip-Entwicklung und bei KI-Plattformen den Anschluss verpasst und ist derzeit vor allem auf die Rolle des Zulieferers beschränkt, etwa mit dem niederländischen Konzern ASML und seinen Lithografiesystemen für die Chipherstellung. Doch statt industriepolitisch ein europäisches Ökosystem zu finanzieren, das die strengen EU-Gesetze per Design und Code gleich einhält, ritzt die EU an ihren Werten. Und schwächt ihre eigenen Vorgaben ab.
Dabei gibt es genügend europäische Firmen und akademische Institute, für die Regulierung und Innovation kein Widerspruch sind.
Das zeigt sich etwa bei den Cloud-Anbietern: Nextcloud-Chef Frank Karlitschek betont, er habe grundsätzlich kein Problem mit Regulierung. Für ihn ist die Open-Source-Cloud ein Standortvorteil gegenüber Microsoft und Google. OVH-Cloud-Chef Michel Paulin wird noch deutlicher: Die EU-Verantwortlichen bräuchten den «Mut und die intellektuelle Ehrlichkeit», eine echte souveräne Cloud aufzubauen.
Die Liste liesse sich um weitere Firmen ergänzen, die auf ethische Geschäftsmodelle setzen und KI-Systeme aufbauen, die Souveränitätsprinzipien einhalten.
Auch die Forschung liefert ein Gegenbeispiel: Die eidgenössischen Hochschulen ETH und EPFL haben mit Apertus ein KI-Modell veröffentlicht, das die KI-Verordnung der EU vollumfänglich einhält – bei Urheberschutz, Diskriminierungsfreiheit, Fairness und Transparenz. Anders als bei den meisten chinesischen und amerikanischen Modellen ist bei Apertus sogar der Trainingsdatensatz offen einsehbar.
Vor zwei Wochen veröffentlichten die Forscherinnen mit Version 1.5 ein grösseres Modell, das gegenüber der internationalen Konkurrenz spürbar aufgeholt hat. Und mit dem sich sogar KI-Agentinnen bauen lassen.
Es gibt also ein gutes Angebot in Europa. Nun müssten Firmen, Regierungen und Privatpersonen ihre Nachfrage entsprechend ausrichten.
Der Originalartikel wurde zuerst beim CTRL-Republik-Newsletter veröffentlicht.




