Der Streit zwischen dem Pentagon und Anthropic sollte den Europäern eine Warnung sein. Die geplante Deregulierung von KI durch die EU-Kommission ist ein Irrweg, den das Parlament dringend korrigieren muss.
Wie stolz war die EU lange Zeit auf ihren Brussels effect.
Gemeint sind damit Digitalgesetze, die in der Welt Schule machten: So wurde etwa die Europäische Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in Japan kopiert und auch in Kalifornien in groben Zügen übernommen. Das Datenschutzgesetz setzte die Standards und wurde sogar von Tech-CEOs respektiert.
Der «AI Act» sollte dieselbe Wirkung haben. Er war zwar keine gesetzgeberische Glanzleistung. Nachdem das Gesetz im August 2024 in Kraft getreten ist, sind viele Pflichten für Unternehmen bis heute noch nicht definiert. Der «AI Act» enthielt aber einen wichtigen Grundsatz: Je mehr Risiken ein KI-System auslöst, desto mehr Rechenschaftspflichten hat ein Unternehmen gegenüber der Gesellschaft.
Doch das aktuelle geopolitische Klima hat das Mindset der EU-Kommission komplett geändert. Statt weiterhin die Vision einer ethischen KI-Gegenmacht zu verfolgen, treibt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wegen des KI-Hypes klassisches «Fomo» um: fear of missing out – also die Angst, etwas zu verpassen. Die EU-Digitalgesetze sind angeblich der Grund dafür, dass es in Europa wenige florierende Tech-Unternehmen gibt. Deshalb müssen diese Gesetze wieder rückgängig gemacht werden.
Brüssel setzt mit dem sogenannten «Digital Omnibus» den Rotstift bei seinen eigenen Regeln an. Die EU-Kommission nennt es eine Vereinfachung ihrer Regeln. De facto handelt es sich um einen Deregulierungsplan – diktiert von den amerikanischen Tech-Konzernen, die alle anderen Branchen in Sachen Lobbying übertreffen.
So zeigt eine Analyse der NGOs «Corporate Europe Observatory» und «Lobby Control», wie die EU-Kommission Satz um Satz die Interessen von Big-Tech-Konzernen übernimmt: KI-Unternehmen sollen einfacher Daten verwenden können für das Training ihrer Modelle, alles unter dem Label «legitimes Geschäftsinteresse». Dabei sollen sie selber entscheiden können, ob ihre KI-Systeme unter die Kategorie Hochrisiko fallen oder nicht.
Der «AI Act» wird damit immer mehr zur Farce.
Denn was geschieht, wenn KI-Unternehmen selber über ihre Regulierung entscheiden dürfen, zeigt die aktuelle Debatte in den USA.
Alle amerikanischen Silicon-Valley-Konzerne haben spätestens seit Beginn der zweiten Trump-Regierung ihre pazifistische Grundgesinnung über Bord geworfen. Jedes IT-Unternehmen mit Rang und Namen möchte nun zum militärischen Handlanger der US-Regierung werden. Auch das relativ junge Unternehmen Anthropic hat mit dem Verteidigungsdepartement (im trumpschen Regierungssprech: department of war) einen Vertrag für militärische Einsätze. Das Anthropic-KI-System Claude war beim Aufspüren des venezolanischen Präsidenten relevant.
Der Anthropic-CEO nannte jedoch zwei rote Linien für das Militär: kein Einsatz in Form von autonomen Systemen – Claude soll also nicht selbstständig über Tötungen entscheiden. Und: keine Überwachung von Amerikanerinnen (Europäer auszuspionieren, ist für Anthropic kein Problem).
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth feuerte daraufhin wütende Salven ab, Präsident Trump verordnete einen Boykott – kein einziges Unternehmen, das Verträge mit dem Pentagon unterhält, dürfe mit Anthropics KI-Modell arbeiten (das US-Militär hielt sich mit dem Iran-Einsatz schon mal nicht an die Weisung).
Dass Anthropic nun für seine standhafte Haltung von den Medien und Kundinnen heroisch gefeiert wird, lenkt aber vom Kernproblem ab: Hier verhandelt ein nicht vom Volk gewählter CEO eines KI-Unternehmens ohne irgendwelche Legitimität direkt mit der US-Regierung über existenzielle Fragen der Menschheit.
Wie kam es so weit?
Dank den Deregulierungsturbos und den dystopischen Visionen der Trump-Regierung gilt: KI-Systeme sollen ohne Leitplanken, Schutzvorkehrungen und Wahrung von Konsumentenrechten auf die Menschheit losgelassen werden. Der US-Präsident hat in seinen ersten Amtstagen die milden Regeln seines Vorgängers Joe Biden direkt abgeschafft. Via Regierungsdekrete verordnete er den ungebremsten Bau von Datenzentren ohne Rücksicht auf Energie- und Wasserressourcen. Er überstimmt den Kongress und will KI-Gesetze einzelner Bundesstaaten übersteuern (was sogar Republikaner nicht gutheissen). Die Festigung Europas als digitale Kolonie ist Teil der Sicherheitsstrategie der US-Regierung.
Das Parlament in den USA ist in all diesen Fragen ausgeschaltet worden. Und scheint keinen Plan zu haben, wie es diesen entfesselten Tech-Faschismus wieder wirksam eindämmen könnte.
In Europa ist es jedoch noch nicht zu spät: Das EU-Parlament wird sich bald den Deregulierungsplan «Digital Omnibus» vorknöpfen.
Und den eingeschlagenen Kurs hoffentlich wieder korrigieren: Nicht Tech-Unternehmen – ob sie aus Europa stammen oder nicht – sollen darüber entscheiden können, wo die ethischen Grenzen liegen. Schliesslich regulieren sich die Flugindustrie und die Tabakbranche auch nicht selbst.
Das machen gewählte Volksvertreterinnen, die die roten Linien und klare Pflichten vorgeben. Und auch ihre Exekutive in die Schranken weisen.
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- Lesen: Meta hat seine smart glasses lanciert. Datenarbeiterinnen in Kenia helfen den KI-Systemen, Objekte und Gesichter zu erkennen, die die Brille aufzeichnet. Dabei bekommen sie Videos von nackten Personen zu sehen und private Szenen der Brillenträgerinnen. Metas Brille ist der dystopische Inbegriff der privaten Überwachung. Das «Svenska Dagbladet» hat ein furchterregendes Lesestück dazu publiziert.
- Ansehen: In einer Kooperation hat das Recherchekollektiv «Paper Trail Media» zusammen mit weiteren Medienpartnern herausgefunden, mit welchen russischen Technologien die Mullahs im Iran ihre Bevölkerung ausspähen. Zum ersten Mal bekommt die Weltöffentlichkeit einen Einblick in diesen Teil der Überwachungsmaschinerie. Handys werden geortet und ausgespäht. Drohnen schiessen Fotos aus der Luft und schüchtern Protestierende ein. Und gefühlt überall im Iran hängen Kameras. Der TV-Beitrag.
- Lesen: Die Bundesverwaltung will sich von amerikanischen IT-Konzernen lösen. Das gefällt einem als «besorgter Staatsbürger» getarnten US-Lobbyisten offensichtlich nicht. Seine Intervention wird aber vermutlich das Gegenteil dessen bewirken, was er wollte. Mein Beitrag in der Republik.

