Der verschwiegene Nathan Gettings hat sich in der Schweiz niedergelassen und fördert unter anderem Projekte an Hochschulen in Zürich und Lausanne.
Viele Informationen findet man nicht auf der Website: «Der Gründer, ein Unternehmer, hat in seiner Karriere beachtliche Erfolge erzielt. Jetzt, da er von den Zwängen wirtschaftlicher Rentabilität befreit ist, kann er seinen wahren Leidenschaften nachgehen – ganz gleich, ob sie finanziellen Gewinn bringen oder nicht.»
Der Gründer der Schweizer Stiftung Chiwi, die sich nach eigenen Angaben der akademischen Weltraumforschung widmet, will offensichtlich anonym bleiben.
Doch sein Name lässt sich mit nur wenigen Klicks in Firmenregistern herausfinden: Der Gründer heisst Nathan Gettings. Er ist einer der Mitgründer von Palantir, dem aktuell umstrittensten Softwarekonzern der Welt.
Eine Firma, die Geheimdienste, Militär und Polizeibehörden mit einer Datenintegrationssoftware beliefert, die in Echtzeit Zielpersonen identifiziert, verfolgt und damit zu Tötungsoperationen beiträgt. Die Republik hat gemeinsam mit dem WAV-Recherchekollektiv in einer zweiteiligen Serie über das Wirken von Palantir in der Schweiz berichtet – und darüber, wie der Konzern jahrelang erfolglos versuchte, Behördenkunden zu gewinnen.
Obwohl Palantir hierzulande bei seinen wichtigsten Kunden, den Behörden, wenig erfolgreich ist – im Gegensatz zu den europäischen Nachbarländern –, ist Zürich zu einer zentralen Drehscheibe für die Geschäfte in Europa geworden. Dies bestätigten zwei Palantir-Manager im Gespräch mit der Republik. Die Ansiedlung von Palantir wurde auch zum Thema im Zürcher Kantonsrat. Der grüne Kantonsrat Benjamin Krähenmann sagte gegenüber der Republik: «Klar ist, dass ein solch menschenfeindliches Unternehmen keine Gefälligkeiten von staatlichen Stellen erhalten soll.»
Für negative Schlagzeilen sorgen aber nicht nur die vielen ethisch fragwürdigen Einsätze der Firmenprodukte, sondern viele öffentliche Aussagen von drei Firmenmitgründern: CEO Alex Karp, Investor Peter Thiel und Joe Lonsdale, der heute nicht mehr bei Palantir tätig ist.
Sie machen mit kolonialistischen, rassistischen und auch faschistischen Zitaten regelmässig auf sich aufmerksam. Karp redet von der Überlegenheit des Westens und davon, dass einige Kulturen «dysfunktional», «regressiv» und «schädlich» seien. Peter Thiel hält Demokratie und Freiheit nicht für miteinander vereinbar und finanziert Start-ups, die anhand von KI-Bewertungen Journalistinnen beurteilen und damit auch zum Schweigen bringen wollen. Und Joe Lonsdale antwortete auf X auf einen Beitrag, der verlangte, «Kommunisten» sollten «in die Luft gesprengt» werden, mit dem Satz: «Genau. Was glaubt ihr denn, weshalb wir Palantir gegründet haben?»
Kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde bisher aber ein weiterer Mann im Gründungsteam von Palantir, um den es hier geht: Nathan Gettings.
Obwohl er als früherer technischer Direktor von Palantir den Weg massgeblich mitgeprägt hat.
Teil der Paypal-Clique
Nathan Gettings gehörte lange zum Umfeld von Milliardär Peter Thiel und wird von der Wirtschaftspresse als Mitglied der sogenannten «Paypal-Mafia» genannt. Mit dem Begriff sind ehemalige Paypal-Mitarbeiter gemeint, die später zahlreiche erfolgreiche Techfirmen gründeten oder aufbauten. Gettings prägte als Direktor der Risiko- und Forschungsabteilung die wichtige Betrugsabwehrsoftware.
Bei Palantir entwickelte er die ersten Prototypen, mit denen sich die junge Firma 2004 Finanzierung und Zugang zu Verteidigungs- und Nachrichtendienstkreisen der USA sicherte.
Dass Gettings als früher technischer Architekt von Palantir gilt, zeigt sich in seinen eingereichten Patenten rund um die Kerntechnologie: etwa die Idee für ein flexibles System, mit dem unterschiedlichste, oft chaotische Rohdaten – beispielsweise Excel-Tabellen, Textdokumente oder Datenbankeinträge – in ein einheitliches, durchsuchbares «Weltmodell» überführt werden, in dem Personen, Orte, Organisationen und Ereignisse miteinander verknüpft sind. Dieses «Ontologie-Konzept» gilt als eine der zentralen technischen Innovationen von Palantir. Auf diesem Konzept bauen auch die Produkte Foundry und Gotham auf: Es sind Datenintegrationsplattformen für Behörden, Militärs und Grosskonzerne.
Gettings verliess Palantir nach rund zehn Jahren, wann genau, ist nicht ganz nachzuvollziehen. Viele Quellen nennen 2012 als das Exitjahr. Damals gründete Gettings mit seinem früheren Paypal-Gefährten Max Levchin Affirm, ein Fintech-Unternehmen, das Kreditvergaben auch an Personen mit traditionell niedriger Bonität (wie Schulabbrecher) ermöglichen soll. Andere Quellen nennen 2016 als Gettings’ Jahr des Austritts aus Palantir.
Mit seinem Bruder Adam Gettings baute er 2007 neben seinem Palantir-Job auch Robotex auf, einen Anbieter ferngesteuerter und bewaffneter Sicherheitsroboter für Feuerwehren, Polizei und Spezialeinheiten. Auch dort sassen Thiel und Karp zeitweise als Investoren und Direktoren noch bis 2013 im Verwaltungsrat.
Es gibt kaum öffentliche Aussagen des Softwareingenieurs. Er gilt als der ruhigste und geheimnisvollste Kopf des Gründungsquintetts. Und er scheint genau zu wissen, wie er seine Privatsphäre digital vor dem Zugriff seiner eigenen Produkte schützen kann. Im Internet lassen sich kaum Fotos finden.
Nur das Schweizer Handelsregister und auch das Wirtschaftsdatenregister Teledata geben ein wenig Auskunft. Dort ist zu erfahren: Der 49-jährige Gettings lebt seit 2021 in Hergiswil im Kanton Nidwalden und besitzt die maltesische Staatsbürgerschaft. Und in der Tat scheint er unter der angegebenen Adresse eine Anschrift zu haben, wie ein Besuch vor Ort zeigt. Im Grundbuchregister ist er an dieser Adresse jedoch nicht als Eigentümer eingetragen. Gemäss Teledata hat er sich im Jahr 2020 in Zürich niedergelassen.
Und: Er betreibt seit 2022 eine Stiftung namens Chiwi, die sich der akademischen Weltraumforschung widmet. Gemäss Website will der Gründer das kollektive Wissen der Menschheit in den Bereichen höhere Mathematik, alternative Energien und Weltraumforschung voranbringen.
Die Stiftung hat ihren Sitz in Zug. Ein Augenschein vor Ort zeigt: Die Stiftung ist im Co-Working-Space «Westhive» eingemietet, wo auf einem Namensschild «CHWI» steht (ein I fehlt darauf). Sie verfügt dort zudem über ein «virtuelles Büro» (Postfach und Adresse sowie beschränkten Zugang zum Arbeitsraum).
Doch was bringt den Co-Gründer von Palantir dazu, sich in der Schweiz niederzulassen? Und stecken hinter Chiwi auch militärische und geopolitische Interessen?
Unkonventioneller Bewerbungsprozess
Anruf bei der Steueranwältin Trang Fernandez-Leenknecht, die auf der Website aufgeführt ist und das Sekretariat der Stiftung führt. Sie stellt gleich zu Beginn klar, dass «der Gründer» auf keinen Fall persönlich kontaktiert werden möchte und keine weiteren Informationen preisgibt. Und ohne dass dazu eine Frage gestellt worden wäre, betont sie, dass steuerrechtlich alles korrekt ablaufe.
Zu seinen Beweggründen sagt sie: «Der Gründer liebt die Diskretion der Schweiz und die Innovation im Land. Er möchte damit etwas zurückgeben.»
Auf die Stiftung mit dem niedlichen Namen – «Chiwi» setzt sich zusammen aus CH für Schweiz und Kiwi für den neuseeländischen Vogel, der auch das Logo mit einem Astronautenhelm ziert – aufmerksam wurde die Republik zufällig in einem Gespräch mit einer Sitznachbarin im Zug nach Genf. Diese entpuppte sich als Astrophysikerin, die immer wieder auf der Suche nach neuen Forschungsgeldern ist. Sie erzählte, dass ein Palantir-Co-Gründer in der Schweiz lebe und «space research» aus der akademischen Welt fördere.
Das komme bei den Forscherinnen in diesem Bereich positiv an, weil Forschungsgelder allgemein rar seien. Zudem stecke hier ein Techmilliardär sein Geld nicht einfach in irgendwelche privaten Spielereien im All – in Anspielung auf Spacex und Elon Musk. Er sei ernsthaft an der Unterstützung akademischer Forschung interessiert und locke damit alle Forschungstalente an. Hier sei man über jeden Geldtopf froh, auch ausserhalb der etablierten Institutionen.
Auf der anderen Seite wirft der Hintergrund des Stifters Nathan Gettings unter den Forschern und Professorinnen auch Fragen auf, wie zwei andere Astrophysiker im Gespräch mit der Republik sagen.
Den ganzen Text gibt es hier: https://www.republik.ch/2026/08/27/co-gruender-von-palantir-finanziert-weltraumforschung-in-der-schweiz
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