Wie Google und Microsoft die Schweizer Redaktionen dominieren

Wie Google und Microsoft die Schweizer Redaktionen dominieren

In einer Welt, in der ein erratischer US-Präsident mit einem Posting nicht nur die Weltmärkte schockiert, sondern auch Microsoft-Konten ganzer Behörden oder Unternehmen in Europa sperren lassen kann, drängt sich eine unbequeme Frage auf: Wie souverän ist Europa im digitalen Zeitalter wirklich? Und wie sieht es dabei mit der Infrastruktur der vierten Gewalt aus, den Medien?

«Big Tech saugt uns aus, nimmt uns die Reichweite, den Traffic, das Geld, den Einfluss». So lautet das jahrelange Lamento reichweitenorientierten und werbefinanzierten Schweizer Medienverlage. Bei der Online-Werbung vereinnahmen die Techplattformen fast drei Viertel der gesamten Schweizer Werbeausgaben, war eine Meldung des Schweizer Medienverbands aus dem Jahr 2023.

Meine Kurzrecherche bei DNIP.ch zeigt: Dieselben Medienhäuser, die Werbegelderabflüsse beklagen, füttern diese Konzerne fleissig mit ihren eigenen Daten. Indem sie Google Workspace abonnieren, Microsoft 365 lizenzieren und ihre Mails durch Exchange-Server in US-Clouds jagen. Ob es nun um Kalendereinträge geht, virtuelle Meetings, Kollaborationstools oder das Speichern sensibler Recherchedokumente geht – die Datenhoheit liegt nicht in Zürich, nicht in Bern, sondern in Kalifornien oder Redmond.

Egal ob bei NZZ, CH Media, Tamedia, Ringier, SRF oder Republik, Persoenlich, Tsüri, Bajour – Big Tech ist die Hauptinfrastruktur des redaktionellen Alltags in der Schweiz.

Nur die wenigsten Medienverlage scheinen sich trotz geopolitisch turbulenten Zeiten mit diesen eigenen Abhängigkeiten ernsthaft auseinanderzusetzen. Und diese zeigen sich nicht erst dann, wenn der Strom ausgeht, sondern schon dann, wenn ein Cloud-Service „aus regulatorischen Gründen“ kurzzeitig nicht mehr verfügbar ist. Oder eben mal ausgeknipst wird, wie im Fall des Chefanklägers des Internationalen Strafgerichtshofs von Microsoft.

Auf meine Anfragen reagierten die grossen Medienverlage wortkarg. Die NZZ betont Sicherheitsstandards, kommentiert aber „grundsätzlich keine Produkte“. Tamedia „beobachtet Entwicklungen“. CH Media sieht „keinen Wechselbedarf“. Blick? „Nein, es gibt keine Überlegungen.“ Die Republik arbeitet immerhin daran, noch dieses Jahr auf eine europäische Alternative umzusteigen im Bereich Email und Hosting.

Doch es gibt löbliche Ausnahmen in der Branche. Die WOZ nutzt bewusst keine Big-Tech-Dienste – ebenso wie das Recherchekollektiv WAV, das seine Daten auf einer selbst gehosteten Nextcloud-Instanz speichert und Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wo möglich konsequent einsetzt.

Wer aber diesen Aufwand scheut, oder das erforderliche Knowhow nicht hat, muss sich auf externe IT-Dienstleister verlassen. Und die Wahl des richtigen Providers im Office-Bereich ist selten eine Schwarz/Weiss-Entscheidung, gerade bei der Standortfrage der IT-Provider hat man die Wahl zwischen Pest und Cholera.

Schweizer IT-Firmen wie Tresorit, Proton und Threema sind nämlich verpflichtet, auf Anfrage von Ermittler:innen alle Daten über eine bestimmte Person herauszugeben. In Sachen Email könnte die revidierte VÜPF (Verordnung zum Bundesgesetz zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehr), das eine Identifizierungspflicht für Kommunikationsdienste mit mehr als 5000 Nutzer:innen vorsieht, quasi das Ende des technischen Quellenschutzes bedeuten. Auch die Schweizer Überwachungsgesetze werden somit immer mehr zum Handicap für Redaktionen.

Dennoch: Die amerikanischen Big Tech-Firmen sind jedoch aus verschiedenen Gründen ein NoGo geworden (Datensouveränität, funktionale Abhängigkeiten, mangelnder Quellenschutz). Sie sollten daher das Hauptsubjekt jeder seriösen kritischen politischen Medienberichterstattung sein und nicht die Technologie-Partner von Redaktionen.

Wer über Überwachung, Datenrechte und Big Tech schreibt, aber gleichzeitig selbst bei Google dokumentiert, bei Microsoft alles kommuniziert und im Zweifel nicht weiss, wo seine Daten liegen – macht sich angreifbar. Die technische Infrastruktur einer Redaktion ist keine Nebensache. Sie ist auch ein Teil der publizistischen Glaubwürdigkeit. Dass viele Schweizer Medienverlage keinen akuten Bedarf sehen für einen Wechsel von Email, Kommunikation und Hosting, ist ein absolutes Armutszeugnis.

Es geht nicht um Ideologie, sondern um redaktionelle Integrität. Es geht auch um den Schutz von Quellen.

Und letztlich um die Frage: Wem gehören unsere Geschichten – und wer kann sie uns im Zweifel wegnehmen?

Dieser Beitrag wurde auch beim Branchenmagazin Persoenlich.com als Kolumne veröffentlicht.

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