Braucht es Social Media «made in Europe»?

Braucht es Social Media «made in Europe»?

Neue soziale Netzwerke aus Europa wie W Social und Eurosky wollen alles besser machen: keine Bots, keine Desinformation und nur europäische Technologie. Doch was taugen sie wirklich?

Eines der Themen, die Brüssel schon lange beschäftigen, ist die digitale Abhängigkeit – und damit Erpressbarkeit Europas. Sensible Gesundheits­informationen, Universitäts­akten und viele weitere Daten werden durch den Cloud-Zwang amerikanischer Big-Tech-Konzerne in deren Rechen­zentren verschoben. Zwar will die EU mit ihren Digital­gesetzen wie dem «Digital Services Act» für Recht und freien Wettbewerb im Internet sorgen, doch diese Gesetze sind inzwischen Teil des geo­politischen Macht­spiels und werden im Zoll­streit mit den USA zur Verhandlungs­masse.

Die Trump-Administration erhöht den Druck auf Europa und bezeichnet den «Digital Services Act» als «Zensurgesetz»: Aktivistinnen und EU-Politiker werden sanktioniert, Diplomatinnen angewiesen, dagegen vorzugehen. Zugleich geraten Tech-Konzerne unter Druck, ihre Kommunikation mit EU-Behörden offenzulegen – etwa um Vorwürfe politischer Einfluss­nahme zu untermauern. Mittlerweile hat sich in der EU deshalb auch die Erkenntnis durchgesetzt: Die besten Gesetze nützen nichts ohne eigene europäische Alternativen und entsprechende Infrastruktur.

Die EU-Kommission hat dies mittlerweile erkannt und am 3. Juni das Tech-Souveränitäts­paket vorgestellt: eine Offensive für mehr europäische Rechen­zentren, mehr Cloud-Infrastruktur und mehr Chip­entwicklung.

Bis diese Investitionen Früchte tragen, wird jedoch Zeit vergehen. Zwei private Initiativen sind da schon viel weiter: W Social und Eurosky. Sie wollen EU-Gesetze wie den «Digital Services Act» by design umsetzen und dabei ein dringendes Problem lösen – dass die digitale Öffentlichkeit vor allem auf Servern amerikanischer oder chinesischer Konzerne stattfindet. Und entsprechend deren Gesetz­gebung ausgeliefert ist.

Beide wollen es besser machen als die amerikanischen und chinesischen Plattformen: kein Daten­missbrauch, keine Bots, keine süchtig machenden Algorithmen, keine Verbreitung von Hass, Hetze und Desinformation. Sie verfolgen ähnliche Ziele, setzen diese aber unter­schiedlich um – einmal kommerziell, einmal nonprofit.

Beide schliessen sich dem Atmosphere-Ökosystem an, das viele Apps auf derselben Infrastruktur vereint und dem auch der Kurz­nachrichten­dienst Bluesky angehört. Das zugrunde liegende AT Protocol erlaubt – anders als ActivityPub beim dezentralen Social-Media-Netzwerk Mastodon – den Aufbau eines eigenen Netzwerks oder Geschäfts­modells.

Sowohl W Social als auch Eurosky betreiben einen eigenen PDS (Jargon für: personal data server), auf dem Nutzerinnen­daten unter europäischer Kontrolle gespeichert werden, konform mit der europäischen Datenschutz-Grund­verordnung (DSGVO). Wer heute bei Bluesky ist, nutzt hingegen Server in den USA.

W Social hat seinen Sitz in Stockholm, wird von der finnischen Firma UpCloud gehostet und von der deutschen Juristin und ehemaligen Ebay-Datenschutz­chefin Anna Zeiter geleitet, die in der Schweiz lebt. Zeiter will eine europäische digitale Öffentlichkeit schaffen, die Medien­inhalte und den Puls europäischer Städte in den Newsfeeds bündelt. Dazu sollen auch lokale trending topics eingeführt werden, wie sie gegenüber der Republik sagt.

Der zu Recht grösste Kritik­punkt betrifft die Identitäts­prüfung: Um Bots auszuschliessen, müssen sich Nutzerinnen mit einem Ausweis in einer separaten App verifizieren. Die meisten Daten sollen danach gelöscht werden – gespeichert bleiben nur Nationalität und Alter, um gesetzliche Vorgaben einzuhalten und die Volljährigkeit zu bestätigen.

Eine technische Analyse des Tech-Blogs «dnip» zeigt jedoch, dass die App noch viel mehr verlangt: eine Telefon­nummer, eine E-Mail-Adresse und das Geburts­datum, dazu ein Bild des Passes oder der Identitäts­karte. Diese Angaben sollen nach dem Abgleich wieder gelöscht werden. Zeiter verweist darauf, dass das Konzept von der deutschen Datenschutz­beauftragten Louisa Specht-Riemenschneider abgenommen wurde. Diese sitzt im Beirat des Unter­nehmens.

Doch weshalb soll man ausgerechnet einem neuen Unter­nehmen seine Passdaten anvertrauen? Die W-Social-CEO betont das Alleinstellungs­merkmal ihrer Plattform: ein «Twitter ohne Bots», nur mit echten Menschen. Aber gerade beim offenen Atmosphere-Ökosystem ist die Bot-Problematik wohl ohnehin keine besonders grosse Gefahr. Hier existieren keine polarisierenden Filter­algorithmen, die alles belohnen, was Lärm macht.

Immerhin: Mittelfristig will sich W Social für die Infrastruktur für digitale Identitäten der EU und der Schweiz registrieren, womit Nutzer nur noch nachweisen müssen, dass sie über 18 Jahre alt sind. Das versichern die Betreiberinnen auf Anfrage der Republik.

Eurosky, eine Non-Profit-Initiative der nieder­ländischen Modal Foundation, denkt in grösseren Dimensionen und nutzt die Vorzüge der offenen Protokolle besser. Mit dem Eurosky-Konto soll man sich auf vielen Anwendungen anmelden können (wie etwa dem neu lancierten Mu Social). Und: Die Macher von Eurosky planen eine andere Form von Verifikations­prozess, der ohne ID-Kontrolle auskommt.

Gemeinsam mit Mastodon bewirbt Eurosky die Deklaration «European Social» für neue europäische soziale Netzwerke – dezentral, interoperabel, open source. Die Betonung auf open source liest sich als Seitenhieb gegen das profit­orientierte W Social, das bisher deutlich mehr Medien­aufmerksamkeit erhalten hat.

Das hat sicher auch mit der Marketing- und Influencer­arbeit zu tun, die bei W Social bemerkens­wert ist: Die amerikanisch-polnische Journalistin Anne Applebaum ist bereits auf W Social migriert und auch das investigative Journalismus­netzwerk OCCRP. Ebenso bewirbt EU-Kommissions­präsidentin Ursula von der Leyen das werdende Netzwerk. Aus Schweizer Sicht interessant ist zudem, dass der ehemalige Armeechef Thomas Süssli Einsitz hält im advisory board.

W Social scheint vor allem vom Establishment Europas getragen zu werden.

Offen bleibt das Geschäfts­modell: Optionen reichen von kontext­gebundener Werbung bis zur Kooperation mit europäischen Medien. Für Skepsis sorgt dabei, wie W Social künftig mit Nutzer­daten umgehen will. Die Bloggerin und Dezentralisierungs­expertin Elena Rossini kritisiert, dass zuletzt auch von «hochwertigen Daten» und deren Nutzung für das Training von KI-Modellen die Rede war.

Noch ist der Mehrwert von W Social und Eurosky gegenüber Plattformen wie Bluesky gering. Beide Initiativen sind vor allem ein Versprechen für die Zukunft.

Für den Durchbruch dürfte weniger entscheidend sein, wie stark europäische Werte wie Open Source und Privat­sphäre in die Architektur einfliessen – sonst hätte Mastodon längst ein Massen­publikum erreicht. Wichtiger ist, wie sehr die Tech-Oligarchen Elon Musk und Mark Zuckerberg ihre eigene Kundschaft vergraulen: durch toxische Inhalte, Propaganda und ein immer schlechteres Nutzer­erlebnis.

Der Tech-Blogger Cory Doctorow nennt letzteren Vorgang enshittification. Und Big Tech liefert zuverlässig Anschauungs­material dafür.

Die besten Marketing­argumente für europäische Alternativen liefern also Meta, Google und Tiktok selbst.

Original erschienen: https://www.republik.ch/2026/06/24/ctrl-braucht-es-social-media-made-in-europe

👀 Diese Klicks lohnen sich

Weitere Beiträge

Do we need social media ‘made in Europe’?

New social networks from Europe, such as W Social and Eurosky, aim to do everything better: no bots, no disinformation and only European technology. But do they deliver a better digital future for us? Note: my original article is written in german (I translated with deepl.com Pro and made a

Weiterlesen

Unser Sieg gegen Palantir

(dieser Beitrag erschien ursprünglich in Minimalversion auf LinkedIn, ich hab ihn jetzt etwas ausgebaut und illustriert) «blitzte ab», «Verkaufskampagne», «hartnäckig», «Überwachungstechnologie», «Jagd auf Migranten», «Mediensprecher», «Optimierung der Tötungskette» «Bewegungsmuster» So absurd es den meisten scheint: aber wir mussten effektiv um diese Begriffe kämpfen. Diese verteidigen. Nochmals auf alle Dokumente und

Weiterlesen

Interview mit Karen Hao

Kaum jemand versteht Tech-Konzerne wie Open AI so gut wie Karen Hao. Die Journalistin erklärt, wieso KI-Modelle die Probleme der Welt nicht lösen werden. Frau Hao, in Ihrem Buch «Empire of AI» beschreiben Sie den Wandel von Open AI von einer werte­getriebenen Organisation zu einer profit­orientierten Firma. Ein Wandel, der intern

Weiterlesen

Der Nachrichten­dienst profitiert vom Zeitgeist

Warum die Schweiz sich mit dem neuen Nachrichten­dienst­gesetz vom liberalen Rechts­staat verabschiedet. Es ist nur 4 Jahre her, da wollte das eidgenössische Verteidigungs­departement dem Nachrichten­dienst ermöglichen, potenziell gewalt­tätige politische Akteure zu überwachen. Stand heute dürfen dessen Mitarbeiterinnen keine Personen aus politischen Gründen überwachen. Der Aufschrei kam postwendend. Kritiker befürchteten eine Neuauflage des

Weiterlesen

Wie Google seine Macht miss­braucht – einmal mehr

Der amerikanische IT-Konzern schikaniert mit neuen Richt­linien die Open-Source-Community und datenschutz­bewusste Internet­nutzerinnen. Seit einigen Jahren habe ich ein Pixel-Smartphone, auf dem GrapheneOS installiert ist. Das ist ein datenschutz­orientiertes und alternatives Android-Betriebs­system, das ohne vor­installierte Google-Dienste auskommt. Eingerichtet habe ich das aus mehreren Gründen: um dem Duopol Apple und Google zu

Weiterlesen

How Google abuses its power – again

The American tech giant is targeting the open-source community and privacy-conscious internet users with new guidelines. (be aware and just for the expectation management: the original article is written in german. I used Deepl Pro for the translation and edited some paragraphs). For several years, I have used a Pixel

Weiterlesen